Kilians Plattenecke September 2016

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Root Hog Or Die: 100 Songs, 100 Years

Bereits seit einigen Jahren erfreut Mississippi Records Vinyl-Liebhaber mit schwarzen Scheiben unterschiedlichster Stilrichtungen, darunter auch viel Blues und Gospel. Das Label wird nun in Deutschland von Fenn Music vertrieben und wir haben einige Mississippi-LPs zur Rezension erhalten, die wir in unserer nächsten Printausgabe vorstellen werden. Auf zwei dieser Alben möchte ich hier ausführlicher eingehen, einmal in diskografischer und einmal in biografischer Hinsicht – auch weil entsprechende Angaben bei den jeweiligen LPs leider fehlen.

Ein bereits im vergangenen Jahr produziertes, aber erst kürzlich erschienenes ambitioniertes Projekt ist die 6-LP-Box „Root Hog Or Die: 100 Songs, 100 Years – An Alan Lomax Centennial Tribute“. Alan Lomax war ein nicht unumstrittener Folklorist, dem die Nachwelt eine riesige Fülle von Folkloreaufnahmen aus aller Welt verdankt. Von 1933 (damals noch mit seinem Vater John A., in dessen Fußstapfen er trat) bis 1991 machte er in den USA, in Europa und in der Karibik Tausende von „Field Recordings“, anfangs mit einem Disc-Recorder, später dann auf Ton- und Videoband. Am 31. Januar 2015 wäre er 100 Jahre alt geworden und Nathan Salsburg hat 100 Songs aus dem immensen Lomax-Archiv ausgewählt, die die stilistische Bandbreite seiner Aufnahmetätigkeit widerspiegeln und neben allen möglichen Formen der amerikanischen Volksmusik auch Beiträge aus Spanien, England, Schottland, Irland, Frankreich, Italien, Rumänien und von verschiedenen karibischen Inseln enthalten. Schwarze Blues- und Gospelmusik ist mit jeweils rund einem Dutzend Songs vertreten – ein paar mehr Bluessachen, wenn man den Begriff weiter fasst. So ist zum Beispiel „Early In The Morning“ von “22” & Group, aufgenommen 1947 in der berühmt-berüchtigten Parchman-Gefängnisfarm in Mississippi, formal ein Worksong, aber durchaus Teil der Bluestradition (und eins der packendsten Beispiele überhaupt für diesen Vorläufer des Bluesgesangs).

Um die gesamte Box goutieren zu können, muss man also einen breiten Musikgeschmack und Interesse an vielfältigen Volksmusiken haben. Ich persönlich habe die 100 Songs mit großem Vergnügen durchgehört und nur der eine oder andere Song von den britischen Inseln hat mir überhaupt nicht gefallen. Der Musikgenuss wird zudem durch erstaunlich guten Sound gefördert, selbst bei den ganz alten Aufnahmen (allerdings stammen nur 18 der 100 Songs aus der Vorkriegsära). Die 6 LPs sind in individuellen Bildhüllen ansprechend verpackt, das 24-seitige bebilderte Booklet enthält eine Einleitung von Salsburg, einen Essay von Lomax aus dem Jahr 1972 und eine Übersicht seiner Field Trips. Dort sind jedoch nur die Nummern der Songs eingetragen (also z. B. 2.A7 für 2. LP, 7. Song auf Seite A), was die Suche nach Aufnahmejahr und -region sehr mühsam macht. Zu den einzelnen Songs werden keine genauen Besetzungs-, Datums- oder Ortsangaben gemacht, was für ein solches Projekt absolut unentschuldbar ist. Zumindest für Sammler steht dagegen auf der Plus-Seite, dass nicht weniger als 55 Songs bislang noch nie veröffentlicht wurden, was man nicht in allen Fällen nachprüfen kann, aber zumindest für die Bluestitel zutrifft. Es spricht für die musikalische Qualität der Lomax-Aufnahmen, dass trotzdem durchweg hochklassige Musik geboten wird – na ja, mal abgesehen von Son House, dessen Titel wohl von der berüchtigten Jam-Session beim Newport Folk Festival 1966 stammt, bei der Lomax angeblich jede Menge alkoholische Getränke reichte, um eine echte Juke-Joint-Stimmung zu filmen, was bei House fatale Folgen hatte. (In der entsprechenden Sequenz auf der DVD „Devil Got My Woman: Blues At Newport 1966“ sieht man, wie Howlin’ Wolf ihn für sein Verhalten rügt.) Dagegen ist der ebenfalls neue Skip-James-Titel aus dieser Quelle sehr gut und der lange „Hundredth Man Blues“ von Bukka White (auf dem wiederum Howlin’ Wolf im Hintergrund zu hören ist, aber diesmal ermunternd-begeistert) geradezu phänomenal.

1959 reiste Lomax durch den gesamten Süden der USA, um Material aufzunehmen, das dann in der wunderbaren „Sounds Of The South“-LP-Serie auf Atlantic erschien. Seine größte Blues-Entdeckung auf diesem Trip war Mississippi Fred McDowell; dessen zwei Titel stammen angeblich von jener ersten Session, aber ich kann die Titel nicht diskografisch zuordnen und seine Frau Annie Mae hat 1959 auch noch nicht mitgesungen. Als bislang unveröffentlicht markiert und ebenfalls damals bei McDowell zu Hause aufgenommen ist der Titel „Faro“ von Rosa Lee Hill, der Tochter von Sid Hemphill und Tante von Jessie Mae Hemphill – ein sehr schöner, langer, relaxter North Mississippi Hill Country Blues. Hinzu kommt aus 1959 noch der exzellente Blues „Stop All The Buses“ von Cecil Augusta, der bereits auf einer Rounder-CD veröffentlicht wurde.

Ebenfalls bislang unveröffentlicht ist der 1960 in Virginia aufgenommene Gospel-Titel „Remember Jesus Died When He Was Young“, auf dem sich Charles Barnett mit Percussion begleitet, die sich exakt wie die Ölfässer von Bongo Joe anhört!

Ein weiterer bemerkenswerter Titel ist „Blues #2“ von Belton Sutherland, den Lomax im Rahmen der Filmaufnahmen zu „The Land Where The Blues Began“ aufnahm. Mehr über diesen Musiker und seine Aufnahmen findet man im Blog des bluesnews-Kollegen Dirk Funke: https://bluestruth.wordpress.com/2011/11/09/unbekannte-schatze-belton-sutherland/.

Rein diskografisch stellt sich hier die Frage: Ist es korrekt, dass der Titel auf der Box als bislang unveröffentlicht angegeben ist? Immerhin hat ihn das Alan Lomax Archive auf YouTube gestellt, also schon so etwas wie eine offizielle Veröffentlichung, oder?

Schon etwas länger als diese Box ist die selbstbetitelte LP von Lum Guffin auf Mississippi Records erhältlich, die auch eine Bestellnummer des Sutro-Park-Labels trägt. Die Scheibe mit Aufnahmen, die der Folklorist Bengt Olsson im Sommer 1971 in Tennessee gemacht hat, ist fast eine 1:1-Reissue der Flyright-LP „Walking Victrola“, des einzigen Albums von Lum Guffin, allerdings wurde ein Titel weggelassen und zwei andere hinzugefügt, und zwar das Instrumental „Old Time Piece“ (bzw. „Ole Time Piece“ auf dem Label), das offensichtlich bislang noch nicht veröffentlicht wurde, und der „Menglewood Blues“, der korrekt „Minglewood Blues“ heißt und unter diesem Titel auch auf einer anderen Flyright-LP erschienen war. Der ursprüngliche Albumtitel „wandelnde Musikbox“ bezieht sich darauf, dass Lum Guffin fast ausschließlich Fremdkompositionen und Traditionals interpretierte, das jedoch sehr individuell mit treibender Gitarre, tollem Slide und kraftvollem Gesang, sodass selbst Titel wie „Key To The Highway“, „St. Louis Blues“ oder „Make Me A Pallet On The Floor“ begeistern können. Bei drei Titeln steuert Bill Barth eine zweite Gitarre bei, die keine große Bereicherung darstellt.

Columbus Guffin Jr. wurde am 22. April 1902 in Bartlett, Tennessee, geboren und starb am 27. November 1993 in Memphis. In den 20er-Jahren begann er Gitarre zu spielen, später kam die Mandoline hinzu. Er reiste durch die ganzen USA als Straßenmusiker, kam jedoch immer wieder nach Memphis zurück, wo seine Familie schon kurz nach dem Bürgerkrieg Land erwarb, auf dem Guffin bis zu seinem Tod lebte. Guffins Großvater gründete 1880 eine Wohlfahrtsorganisation, die sich um Bedürftige kümmerte, und Lum war zum Zeitpunkt dieser Aufnahmen Vorsitzender des „Chapter 9“ der „United Sons and Daughters of Zion“. Zum Jahrestag der Gründung wurde regelmäßig ein Picknick veranstaltet, auf dem Lum mit Freunden die traditionelle „Fife & Drum Band“-Musik spielte – ein beeindruckendes Schauspiel, das Bill Barth in seinen Linernotes zur Flyright-LP beschreibt, die so ziemlich alles an Informationen enthalten, was man über Lum Guffin weiß. Umso ärgerlicher, dass sie nicht auf dem Cover dieser Reissue nachgedruckt wurden oder – wie bei anderen Mississippi-LPs – als Beilage enthalten sind. Ich denke, wer sich für einen so hervorragenden, aber auch eher obskuren Country-Blueser interessiert, der legt auf solche Informationen mehr Wert als auf das vom Label extra hervorgehobene Holzschnittdesign des Covers.

Übrigens nahm Bengt Olsson Lum Guffin 1974 nochmals auf und dokumentierte seine Fife & Drum Band auf zwei Titeln und sein Mandolinenspiel auf einem Titel, die auf einem Flyright-Sampler erschienen. 1978 machte Lum Guffin seine letzten Aufnahmen, als ihn der italienische Folklorist Giambattista Marcucci zu Hause in Memphis besuchte; je zwei Titel erschienen kurz danach auf zwei Sampler-LPs des italienischen Albatros-Labels. Diese vier Titel (einer davon stark verkürzt) plus drei weitere sind auf dem Download-Album „Blues At Home 13“ erhältlich, aber leider in wesentlich schlechterer Qualität als auf der LP.

06.09.2016 • Klaus Kilian




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