Kilians Plattenecke Oktober 2016

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Alexis Korner und Tony Sheridan

Im Juni 1981 sind zwei Schlüsselfiguren der britischen Blues- und Rockszene zum einzigen Mal musikalisch zusammengekommen: Alexis Korner und Tony Sheridan. Anlass war eine von Siegfried Schmidt-Joos moderierte „Lange Nacht des Blues“ im RIAS-Rundfunk, die live aus West-Berlin ausgestrahlt wurde und in weiten Teilen der damaligen DDR empfangen werden konnte. Was seinerzeit spontane Musikstücke in einer lockeren Jamsession zwischen den Wortbeiträgen waren, ist jetzt auf dem neuen RWA-Label („Richard Weize Archives“) erschienen, und zwar in einer schönen Aufmachung, die exakt den Digipaks von Bear Family Records entspricht – aber es handelt sich offensichtlich um ein neues Label des Bear-Gründers Weize. Alexis Korner, Katalysator der britischen Bluesszene der frühen Sechzigerjahre und bis zu seinem Tod im Jahr 1984 unermüdlicher Botschafter des Blues, braucht man sicher nicht größer vorzustellen. Tony Sheridan (1940–2013) ist am ehesten dafür bekannt, dass die damals noch unbekannten Beatles 1961 bei einer Session für Polydor als seine Begleitband fungierten. Seine Wurzeln lagen im Skiffle und 50’s Rock & Roll, aber der Blues nahm in seinen Liveshows breiten Raum ein. Zu der 1981er-Radiosession brachte Sheridan seinen damals regelmäßigen Begleiter Steve Baker mit, dessen Bluesharp das Haupt-Soloinstrument auf den zwölf Titeln ist – bereits damals schon versiert, stilsicher und einfühlsam, aber noch nicht mit dem gewissen Etwas, das Steve heute unverwechselbar und einzigartig macht. Alexis spielt wie gewöhnlich eher verhalten-ruhig, ganz im Gegensatz zu Tony, der kraftvoll-dynamisch zur Sache geht und dem mehrmals eine Saite reißt. Das Repertoire besteht – wie bei einer Jam nicht anders zu erwarten – hauptsächlich aus Standards, die alle kennen, wobei nur das die CD eröffnende „High Heel Sneakers“, in dem noch andere Songfragmente verwurstet werden, mit neuneinhalb Minuten eindeutig zu lang ist, wogegen das fast achtminütige „Going Down Slow“ mit viel Feeling die Spannung aufrechterhalten kann. Doch letztendlich besteht der Wert dieser Veröffentlichung nicht allein in der musikalischen Qualität, die trotz hervorragender Passagen eher schwankend ist, sondern in der Dokumentation eines historischen Zusammentreffens, die sich Fans der beteiligten Künstler sicher nicht entgehen lassen wollen.

04.10.2016 • Klaus Kilian





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