Kilians Plattenecke November 2016

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Bobby Rush

Bobby Rush ist ein Phänomen. Er ist 83 Jahre alt (oder doch erst 76? Oder 80?) und kein bisschen leise. Live wirkt er mindestens 25 Jahre jünger, sein Gesang ist kraftvoll wie immer und sein Bluesharpspiel besser denn je. Mit „Porcupine Meat“ hat er soeben eines der besten Alben seiner langen Karriere veröffentlicht und die CD wird in unserer nächsten Printausgabe vom Kollegen Michael Seiz positiv rezensiert. Ich möchte noch ein paar weitere Anmerkungen hinzufügen, warum mir diese Scheibe so gut gefällt und sie in gewisser Weise eine Zusammenfassung seiner vielschichtigen musikalischen Aktivitäten darstellt. Dass Bobby Rush zum ersten Mal (vielleicht abgesehen von Ruf Records, die eine seiner CDs in Lizenz übernommen haben) auf einem größeren, international vertriebenen Label gelandet ist (Rounder gehört ja seit einiger Zeit zu Concord Music), bringt ihm hoffentlich höhere Verkaufszahlen ein (vielleicht auch mithilfe der drei Gastgitarristen Joe Bonamassa, Dave Alvin und Keb’ Mo’, die auf je einem Song zu hören sind). Und bringt seinen Namen hoffentlich weltweit ins Gespräch, denn Bobby Rushs Aktionsradius war bislang eher auf die schwarze R&B-Szene zwischen New Orleans und Chicago begrenzt – seinen Titel des „King of the Chitlin Circuit“ mag er mit Stolz tragen, aber in den schwarzen Clubs ist nicht so viel zu verdienen wie bei internationalen Festivals. Doch als ich ihn letztes Jahr beim King Biscuit Blues Festival wieder mal live erleben konnte, hatte sich seine Show kaum an den Mainstream-Bluesgeschmack angepasst. Okay, er hat öfter zur Bluesharp gegriffen als früher, aber ansonsten waren wie gewohnt die beiden wohlgeformten Tänzerinnen, die schlüpfrigen Texte, Ansagen und Bemerkungen und der niemals stoppende funky Rhythmus da.

Bobby Rush hat einen langen Weg an der Grenze zwischen Blues, R&B, Soul und Funk hinter sich und bewegte sich mal mehr in jenem und dann wieder eher im anderen stilistischen Terrain. Auf Schallplatte ging es für ihn 1964 in Chicago mit einer Single auf Jerry-O los, gefolgt von lokal mehr oder weniger erfolgreichen 45ern auf Palos, Starville/Checker, Salem, ABC und Sedgrick. 1971 dann der Durchbruch in die nationalen R&B-Charts mit „Chicken Heads“ auf Galaxy. In den 70ern gute Verkaufszahlen mit Singles für On Top und Jewel, wogegen ein LP-Ausflug in den Philly-Sound weder künstlerisch noch kommerziell erfolgreich war. Bis zu diesem Zeitpunkt war Bobby Rush einer von vielen moderat erfolgreichen Soul-Acts, die zwar ihren eigenen wiedererkennbaren Sound, aber nicht wirklich einen markanten eigenen Stil hatten. Dann begann 1982 eine Serie von Singles und LPs für LaJam Records aus Jackson, Mississippi, die einen neuen, individuelleren Bobby-Rush-Sound prägten, der zu gleichen Teilen aus Blues, Soul und Funk bestand und den „Folk Funk“-Stil begründete, der immer noch die Basis seiner Liveshows und CD-Veröffentlichungen bildet. Songs wie „Wearing It Out“, „What’s Good For The Goose Is Good For The Gander“, „She Caught Me With My Pants Down“ und natürlich „Sue“ sind weiterhin Teil von Rushs Live-Repertoire, wobei eine Tänzerin darstellt, was „Sue“ so alles mit Bobby anstellte. Doch wenn man sich Rushs fünf LaJam-LPs heute anhört, wirkt der Sound muffig, keyboardlastig, wenig ansprechend. Das ist auf seinen beiden CDs für das Malaco-Unterlabel Waldoxy aus den Jahren 1995 und 2000 trotz „Drum and Keyboard Programming“ besser, und hier taucht bereits ein Name auf, der auch auf der neuen Rounder-CD als Gitarrist und Musical Director gelistet ist: Vasti Jackson. Der Gitarrist, Sänger, Bandleader und Arrangeur ist einer der rührigsten Musiker des Southern Soul und kann auf eine 35-jährige Karriere zurückblicken, in der er u. a. mit B.B. King, Cassandra Wilson und bei den Grammy Awards aufgetreten ist sowie auf Alben von Katie Webster, C.J. Chenier (beide auf Alligator), Z.Z. Hill, Johnnie Taylor (beide Malaco) und Percy Strother mitgewirkt und inzwischen sechs CDs unter eigenem Namen veröffentlicht hat.

Zwischen Waldoxy und der neuen CD hat Bobby Rush von 2004 bis 2012 nicht weniger als acht CDs plus zwei Reissues auf seinem eigenen Label Deep Rush Records veröffentlicht, nicht nur in seinem „Folk Funk“-Stil, sondern mit „Raw“ auch eine lupenreine traditionelle akustische Blues-CD, auf der er sich nicht nur als Sänger und exzellenter Harpspieler, sondern auch als guter Akustikgitarrist präsentiert, der in diesem Genre etwas zu sagen hat. Kurz nach Veröffentlichung dieser CD (2006) hatte ich das große Vergnügen, Rush 2007 mit einem Akustikprogramm im Duo mit Kenny Brown live zu erleben, und es war so gut, dass man es als Akustik-Bluesfan bedauern kann, dass er damit nicht auf Tour geht. 2014 hat Rush eine größtenteils modernere CD mit der Band Blinddog Smokin’ veröffentlicht, die mir nicht so gefallen hat, ihm aber seine zweite Grammy-Nominierung einbrachte (nach „Down In Louisiana“ im Jahr 2013). Wer sich für die vielschichtige Karriere dieses außergewöhnlichen Künstlers interessiert, dem sei (neben der neuen CD) unbedingt die vor gut einem Jahr erschienene 4-CD-Box „Chicken Heads: A 50-Year History Of Bobby Rush“ ans Herz gelegt, die alle Phasen seiner Plattenkarriere abdeckt.

Ein Aspekt, der bei Bobby Rush immer wieder auftaucht, ist seine Verarbeitung bestehender Songs bzw. Songfragmente. Zu seiner LaJam-Phase klaute er auch durchaus mal Songs von Kollegen und schrieb seinen Namen drunter („Mojo Boogie“, „Nine Below Zero“), aber prinzipiell arbeitet Bobby Rush wie jeder traditionelle Bluesmann mit der Tradition, zitiert, baut Versatzstücke ein und interpretiert bekannte Themen auf neue Art. So ist auf der neuen CD „Porcupine Meat“ der Opener „I Don’t Want Nobody Hanging Around“ ein weiteres Kapitel des „Wer schaut bei meiner Frau vorbei, wenn ich nicht zu Hause bin“-Themas, wie es u. a. in „Don’t Answer The Door“ von B.B. King oder „Open House At My House“ von Johnnie Taylor verarbeitet wurde, und „Got Me Accused“ setzt Eddie Boyds „Third Degree“ auf kreative Weise fort. Sein „Nighttime Gardener“ will „one night in your garden, baby“, wofür Little Joe Blue seinerzeit eine Stunde ausgereicht hat. In „Funk O’ De Funk“ zitiert er Willie Dixons/Muddy Waters’ „Hoochie Coochie Man“ und im abschließenden „I’m Tired“ Mel Londons/Ricky Allens „Cut You A-Loose“. (Letztere Nummer ist übrigens der traditionellste Blues auf dem Album, auf dem Rush via Overdub sowohl diatonische Bluesharp als auch chromatische Mundharmonika spielt – erstklassig.) Aber wie gesagt, Rush verarbeitet diese Zitate in eigenen, sehr individuellen Texten, die eigene Stories erzählen. Mich hat diese Neuerscheinung sehr beeindruckt und man kann nur hoffen, dass sie Bobby Rush nach zwei Nominierungen nun auch tatsächlich einen Grammy einbringt.

02.11.2016 • Klaus Kilian





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