Kilians Plattenecke Juni 2016

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Blues For Big Walter

Wer mich als Musiker kennt, weiß, dass ich sehr stark von Big Walter „Shakey“ Horton beeinflusst bin, einem der größten Bluesharpspieler aller Zeiten. Horton (1918–1981) begann seine Karriere in den 30er-Jahren, machte 1939 seine ersten Aufnahmen als Begleitmusiker und ab 1951 auch eigene Platten. Kaum jemand konnte so viele tonale Schattierungen aus dem Instrument herausholen und so viel mit wenigen Tönen aussagen. Nachdem sich auf „Horton’s Briefcase“ im Jahr 2000 skandinavische Harpspieler vor ihm verneigt haben, ist nun mit „Blues For Big Walter“ auf EllerSoul Records eine Tribute-CD erschienen, auf der einige der namhaftesten und ein paar unbekanntere US-amerikanische Blues-Mundharmonikaspieler Material von Horton oder Nummern, auf denen er mitgewirkt hat, interpretieren. Die Ausnahmen sind je ein exzellenter Titel von Jimmy Rogers und Robert Lockwood, beide mit Bob Corritore an der Horton-inspirierten Bluesharp, aus dessen Archiv die Aufnahmen auch stammen, allerdings ist der Lockwood-Titel schon vor Kurzem auf der Delta-Groove-CD „The Henry Gray/Bob Corritore Sessions Vol. 1“ enthalten gewesen. Bei zwei weiteren Titeln konnte ich eindeutig frühere Veröffentlichungen nachweisen, ansonsten wurde wohl das meiste extra für diese CD eingespielt, aber es gibt dazu keinerlei Angaben.

Bis auf einen enttäuschenden Mark Wenner, der den „Worried Life“(-Blues) mit komischem Harpsound spielt und den Sänger/Bassisten Gordon Harrower auf einer durchschnittlichen Version von „Walking By Myself“ originalgetreu begleitet, sind es die bekanntesten Namen, die für die weiteren Höhepunkte sorgen: Kim Wilson ist wie immer herausragend; er begleitet den Sänger/Gitarristen Big Jon Atkinson auf „Someday“ (im Original von Robert Nighthawk mit Horton 1964 für Chess eingespielt). Steve Guyger spielt (und singt) seine beiden Horton-Nummern absolut stilecht: „If It Ain’t Me“ mit einer nicht identifizierten Band (die einzige Nummer ohne genaue Besetzungsangaben) und ein schönes akustisches „Little Boy Blue“ (nur mit Rich Yescalis an der Gitarre). Mark Hummel kann mit virtuoser First-Position-Harp (für Nicht-Bluesharper: mit blue notes auf den hohen Tönen) auf „Hard-Hearted Woman“ live überzeugen und steuert noch den Klassiker „Easy“ bei, den er 1989 mit der Sue Foley Band für das italienische Deluxe-Label eingespielt hat. Er baut allerdings noch viele weitere Licks ein als im Original, ebenso wie Andrew Alli auf „Easy II“, der für mich die Harp-Überraschung der CD ist. Allerdings sollte er das Singen anderen überlassen, wie sich auf seiner zweiten Nummer zeigt, dem „Evening Shuffle“, den Horton 1953 mit Johnny Shines eingespielt hat. „Great Shakes“ von Kurt Crandall geht mit dem „Walter’s Boogie“-Thema stilecht los, aber er kann die fast fünf Minuten nicht durchweg interessant gestalten.

Ganz im Unterschied zu Sugar Ray Norcia, der in einem fast 19-minütigen (!) Medley drei Horton- und zwei von Horton gespielte Titel verbindet und es schafft, dass keine Sekunde Langeweile aufkommt. Norcia hat seinen Horton studiert, das konnte man schon früher bei ihm hören. Auf seinen letzten Platten wurde er ja mehr als Sänger gefeaturet, aber hier unterstreicht er auf äußerst beeindruckende Weise, was für ein Gigant der Bluesharp er ist. Und ein alter Hase dazu: Immerhin hat er schon 1979 den Opener gemacht, als Horton im Knickerbocker Café jene legendären Liveaufnahmen einspielte, die in verschiedenen Versionen auf JSP veröffentlicht wurden. Bleibt zum Schluss noch EllerSoul-Labelchef Ronnie Owens, der nicht nur unter zwei verschiedenen Namen auftritt (zweimal unter seinem bürgerlichen und einmal als Li’l Ronnie), sondern auch unterschiedlich gute Eindrücke hinterlässt. Auf jedem Fall gebührt ihm Dank, dass dieses Projekt zustande gekommen ist – auch wenn man etwas mehr ins Mastering des Sounds hätte investieren können, die Aufnahmen klingen so unterschiedlich, dass es ohne Griff zur Klangregelung kaum geht. Alles in allem überwiegen jedoch die guten Momente und es finden sich hier genügend hervorragende Titel, um die CD für Bluesharpfans äußerst empfehlenswert zu machen

Das britische Acrobat-Label hat eine Doppel-CD mit den „Complete King, Okeh & Savoy Releases 1947-1961“ von Big Maybelle veröffentlicht. Maybelle Smith war eine stimmgewaltige Sängerin, die von rauem Shouting bis hin zu einfühlsamen Balladen-Vocals die gesamte Bandbreite des R&B-Gesangs beherrschte. Zusammen mit exzellentem Songmaterial und Spitzenbands (zum Teil mit Mickey Baker an der Gitarre) ist dieses Material absolut essenziell für Freunde des klassischen Rhythm & Blues.

Im Rahmen eines Projekts unter der Leitung von Louis Guida wurden im Jahr 1976 in Arkansas 50 Musiker in 17 „Field Recording“-Sessions aufgenommen, um den Blues dieses US-Bundesstaates zu dokumentieren. 1983 erschien auf dem Rooster-Blues-Label unter dem Titel „Keep It To Yourself – Arkansas Blues, Volume 1: Solo Performances“ eine LP, die später auch als CD wiederveröffentlicht wurde. Bereits damals wurde der zweite Teil mit Band-Aufnahmen angekündigt – und der ist jetzt, gerade mal 33 Jahre später, auf dem ebenfalls von Jim O’Neal betriebenen Stackhouse-Records-Label erschienen. „Meet Me In The Bottom – Arkansas Blues Volume 2: The Bands“ enthält zwei Titel der Frauenband Queen Bee & The Soul Sisters sowie je drei von Duke Bradley, den Sounds Of Soul und den Texarkana Five with Harmonica Slim. Zwischen den je zwei Titeln der Cummins Prison Band und von Calvin Leavy besteht im Nachhinein eine besondere Verbindung: Leavy war zum Zeitpunkt der Aufnahmen (1976) der einzige im Rahmen des Projektes aufgenommene Musiker mit überregionaler Bekanntheit, denn er hatte 1970 mit dem eindringlichen Blues „Cummins Prison Farm“ einen Top-50-R&B-Hit. 1992 wurde er wegen Drogenvergehen verurteilt und genau in dieses Gefängnis geschickt – als er 2010 verstarb, war er immer noch inhaftiert, obwohl sich Bluesfans für seine Begnadigung einsetzten. Warum hat es also so lange gedauert, bis dieses Materialveröffentlicht wurde? Nun, der historische Dokumentationswert der Aufnahmen ist unbestritten, aber ihre Qualität ist sehr schwankend und manche Sachen sind einfach nicht gut. Hier hat ein Folklorist oder Enthusiast einfach das Mikrofon hingehalten, ohne nach einem Take auch mal zu sagen: „Okay, Leute, jetzt nochmal mit richtigem Groove und etwas mehr Schmackes!“ Gerade der Rhythmus, der bei aller schwarzer Musik im Fokus steht, wird hier unverständlicherweise über weite Strecken äußerst schlampig runtergenudelt. Andere Titel sind sehr gut, besonders die von Leavy und teilweise von Harmonica Slim, aber ich hatte mir von dieser Veröffentlichung mehr versprochen.

01.06.2016 • Klaus Kilian




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