Kilians Plattenecke Juli 2016

(Kommentare: 2)

Rosmaity Brothers: „Berry Pickin’“

Den Namen Rosmaity Brothers hörte ich erstmals von meinem Bluesfreund Gerd Wieben, der von den Brüdern Fabian (Gesang und Kontrabass) und Christoph (Gitarre) schwärmte, nachdem er sie bei Kai Strauss’ Gempt Blues Session in Lengerich gehört hatte. Kurz darauf drückte mir Christian Bleiming ihre CD „Berry Pickin’“ in die Hand, deren kompletter Titel schon genau beschreibt, um was es hier geht: The Rosmaity Brothers feat. Christian Bleiming & Alex Lex: Berry Pickin’ – A salute to the genius of Chuck Berry. Dieses Projekt fand ich schon erfreulich, bevor ich die CD überhaupt gehört hatte, denn die frühen Chuck-Berry-Klassiker sind nicht nur Rhythm & Blues (oder schwarzer Rock’n’Roll, je nachdem, wie man’s auffasst) vom Allerfeinsten, sondern waren auch mein persönlicher Einstieg in die Welt des Blues. Und so arg viele Tributes an den wirklich genialen Sänger, Gitarristen und Songpoeten gibt es ja nicht. Universal/Hip-O hatte 1998 eine schöne Compilation mit Berry-Covers verschiedener Künstler aus verschiedenen Epochen rausgebracht. 2013 hat die schwedische Band The Replacements Berry gehuldigt, und zwar ziemlich im Stil von Dave Edmunds, der ja auch Chuck im Repertoire hat. Billy Peek, ein Gitarrist aus St. Louis, der eine Weile in Chucks Band spielte, veröffentlichte 2006 eine Tribute-CD. Von den Rolling Stones gibt es eine offizielle japanische sowie diverse Bootleg-CDs mit Berry-Covers. Mein persönlicher Favorit ist Cub Koda, der auf seiner „Cub Digs Chuck“-LP sogar das Coverdesign von „One Dozen Berrys“ kopierte. Weitere Scheiben dieser Art sind unter http://www.crlf.de/ChuckBerry/relatedcds.html gelistet.
Die Gebrüder Rosmaity covern die Kompositionen von Chuck Berry durchweg sehr werkgetreu. Das mag wenig kreativ sein, aber das muss man andererseits auch erst mal können – und die Rosmaitys und ihre beiden Gäste haben es richtig gut drauf! Schlagzeuger Alex Lex (heuer zumeist als einer von Kai Strauss’ Electric Blues All-Stars zu hören) legt zusammen mit Fabian einen klasse Groove hin und Christoph beherrscht die Berry-Gitarrenlicks aus dem Effeff. Ganz erstaunlich ist, wie locker-souverän Fabian die Songs singt und die bei Berry wichtigen Texte bis auf ein oder zwei Zeilen komplett fehlerfrei rüberbringt. Das i-Tüpfelchen ist der Piano-Veteran (tja, die Zeit vergeht) Christian Bleiming, denn genauso wie Johnnie Johnsons Klavier (bzw. Otis Spanns bei „Wee Wee Hours“) bei den Originalaufnahmen eine zentrale Rolle spielte, trägt Christian hier wesentlich zum Gesamtbild bei. Ein hervorragend realisiertes Projekt; auf der Website www.rosmaity.de kann man in die CD reinhören und sie auch bestellen. Oder man geht zu einem Gig der Ballroom Rockets, dem Rock’n’Roll-Trio, mit dem die Brüder regelmäßig unterwegs sind.

Nachdem das britische JSP-Label für seine 4-CD-Compilations meistens die Wertung „günstig, aber Aufmachung und Sound lassen zu wünschen übrig“ erhält, kann jetzt zur Abwechslung mal Positives vermerkt werden. Die Covergestaltung von „West Coast Guitar: Masters of West Coast Guitar 1947–1956“ ist zwar immer noch die gleiche, mit winziger Schrift und unübersichtlicher Anordnung der Informationen, aber die 100 zum Teil raren Titel klingen fast durchweg sehr ordentlich. Der Fokus liegt hier auf fünf Gitarristen, die allesamt von T-Bone Walker, dem großen Pionier der elektrischen Bluesgitarre, beeinflusst waren, aber diesen Einfluss ganz unterschiedlich verarbeiteten: 15 Titel von Gene Phillips (plus drei als Begleiter von Lloyd Glenn), der fast traditionell-jazziger spielte als T-Bone selbst und humorvollen frühen R&B im Stil von Louis Jordan darbietet; 22 Titel von Pee Wee Crayton, der bei T-Bone selbst Unterricht hatte und nie dessen Virtuosität erlangte, aber seine fehlende Technik durch eine schneidende Attacke und einen individuellen Sound wettmachte – er ist der Einzige der hier vertretenen Saitenkünstler, der eine lange Karriere in der Bluesszene mit vielen Platten unter eigenem Namen hatte; neun Titel von Pete „Guitar“ Lewis (plus neun weitere mit Johnny Otis, in dessen Band er jahrelang seine heiße Gitarre mit wunderbar angezerrtem Sound spielte; drei seiner unter eigenem Namen gelisteten Titel erschienen ursprünglich auch unter Johnny Otis’ Namen, darunter der „Goomp Blues“ und der „One Nighter Blues“ von einer 1951er-Session für Emarcy mit Ben Webster am Tenorsax, die für mich zu den größten Blues-Instrumentals aller Zeiten zählen); 14 Titel von Jimmy Nolen (plus vier, die zwar unter dem Namen des Trompeters Monte Easter erschienen, aber von Nolen dominiert werden; Nolen löste sich später aus dem Schatten von T-Bone, wurde Mitglied der James Brown Band und gilt heute als Mitbegründer der Funk-Rhythmusgitarre); sieben Titel von Lafayette Thomas, einem fantastischen Gitarristen, der viele Aufnahmen als Begleitmusiker von Sängern machte, von denen hier drei Titel mit Jimmy McCracklin, in dessen Band Thomas regulär spielte, vier Titel mit Jimmy Wilson und fünf Titel mit James Reed vertreten sind. James Reed ist ein heute in Vergessenheit geratener Sänger und Pianist mit einer großartigen tiefen Stimme, die fast schon etwas Bedrohliches hatte. Sein „Roughest Place In Town“ ist die „Tin Pan Alley“-Variante, die Stevie Ray Vaughan interpretierte, aber auch die häufiger gecoverte Variante von Jimmy Wilson ist hier vertreten. Zusätzlich sind auf dieser sehr lohnenswerten Zusammenstellung zu hören: zwei Titel von McCracklin mit seinem früheren Gitarristen Robert Kelton, zwei Titeln von Willie „Bo“ Thomas, davon einer („Bo’s Boogie“) offensichtlich bislang unveröffentlicht, sowie ein sehr bluesiger Titel des Jazzgitarristen Tiny Webb.

04.07.2016 • Klaus Kilian




Zurück

Einen Kommentar schreiben

Kommentar von Sascha Suhr |

Hi Kilian,
ich möchte Dir mal ganz allgemein meinen Dank aussprechen für die vielen vielen Rezensionen. Diese enthalten neben den "normalen" Kritiken immer interessante und spannende Hintergrundinformationen über die Musiker und Bands. Selbst wenn mir nicht alles an vorgestellter Musik gefällt, lese ich trotzdem was Du darüber zu berichten hast. Denn so manches Mal schaue ich mir die für mich bis dato unbekannten Leute bei Youtube oder sonstwo an und entdecke so die eine oder andere Band, die ich vorher gar nicht auf dem Schirm hatte und mich dann doch überzeugen kann.
In diesem Sinne.....bitte weiter so.... Ich danke Dir!
Beste Grüße
Sascha

Kommentar von Christoph Sanne |

Diesem Dank von Sascha möchte ich mich zu 100% anschließen!!
Vg
Christoph