Kilians Plattenecke Dezember 2016

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Tell The Truth! Blues & Gospel by Richard Williams

Ein großer Teil der traditionellen Bluesaufnahmen ab den 1930er-Jahren sind Field Recordings, also Aufnahmen, die nicht in Studios gemacht wurden, sondern vor Ort bei den Musikern zu Hause oder in geeigneten Locations in ihrer Nähe (zum Beispiel, weil sie in ihrer Behausung keinen Strom hatten oder ein Klavier gebraucht wurde). Die bekanntesten und bei Weitem zahlreichsten Aufnahmen dieser Art sind die, die John A. und Alan Lomax von den 30er- bis in die 50er-Jahre für die amerikanische Kongressbibliothek gemacht haben (siehe http://www.loc.gov/folklife/lomax/ und http://research.culturalequity.org/audio-guide.jsp). Aber auch Plattenfirmen sind mit ihren Aufnahmegeräten aufs Land gefahren und haben vor Ort nach Talenten gesucht. Und auch in neueren Jahren gab es Folkloristen oder einfach nur Fans, die Musiker mit Aufnahmegeräten besucht haben und die mal besser, mal weniger gelungenen Ergebnisse auf LPs und CDs veröffentlichten. Einige der großartigsten traditionellen Bluesaufnahmen der 60er- bis 80er-Jahre verdanken wir den Aktivitäten von Bengt Olsson, George Mitchell, Pete Lowry sowie Axel Küstner & Ziggy Christmann. Weniger bekannt sind die Field Trips von Dwight DeVane, Peggy A. Bulger sowie Brenda & Steve McCallum, die 1978–1980 in Florida herumgereist sind und zahlreiche Blues- und Gospelkünstler aufgenommen haben. Ähnlich wie die nationale Library of Congress betreibt der Staat Florida die State Library and Archives, zu denen die Florida Folklife Collection gehört, in der verschiedene Aspekte der Kultur dieses US-Bundesstaats gesammelt und dokumentiert werden. Seit einigen Jahren sichtet diese Institution ihr archiviertes Material, stellt Alben zusammen und macht sie der Öffentlichkeit zugänglich. Nachdem bereits fünf Alben/CDs mit verschiedenen Interpreten erschienen sind (aus verschiedenen Quellen, vor allem aber Liveaufnahmen vom seit 1960 in White Springs stattfindenden Florida Folk Festival), gibt es jetzt mit „Tell The Truth! Blues & Gospel by Richard Williams“ erstmals ein Album, das sich auf einen einzelnen Künstler fokussiert und das ausschließlich aus den oben genannten Field Recordings von 1978–80 zusammengestellt wurde.

Richard Williams ist ein Gitarrist und Sänger, der an Mississippi Fred McDowell erinnert, weil er sich einerseits selbst mit (Slide-)Gitarre begleitet und andererseits seine Frau Lillie Bell und seine Tochter Ella Mae Wilson in bester „Guitar Evangelist“-Tradition auf Spirituals/Gospels gitarristisch unterstützt. Nun hat Williams bei weitem nicht den Drive oder die rhythmische und melodiöse Virtuosität wie McDowell, aber er ist dennoch unterhaltsam und interessant zu hören, zumal er mit einem Geburtsdatum von 1887 zur „Pre-Blues“-Generation gehört und neben Songs, die er sicher von Schallplattenaufnahmen gelernt hat, auch Titel wie „John Henry“ im Repertoire hat. Seine Frau und seine Tochter sind gute Vokalisten, die die dargebotenen religiösen Standards wie „You Got To Move“ oder „When The Saints“ sicher häufig im Gottesdienst gesungen haben. Nachdem ich von anderen, zum Teil mit großen Worten angepriesenen traditionellen Bluesaufnahmen in letzter Zeit arg enttäuscht war, ist dies eine der interessantesten Veröffentlichungen dieser Art, die ich seit Langem gehört habe. Und das Besondere daran: Man kann sie – genauso wie die fünf früheren Veröffentlichungen, auf denen neben unbekannteren Namen auch Stars wie Doc Watson oder Johnny Shines zu hören sind – kostenlos unter https://www.floridamemory.com/audio/cds.php downloaden oder sogar als physische CDs anfordern. Florida mag politisch eine Bush-ige Vergangenheit haben, aber der Bundesstaat kümmert sich um seine Folklore und sieht sie als vitalen Teil seiner Geschichte, deren Verbreitung aktiv unterstützt wird.

Diskografische Details? Gerne! 1981 hat das Florida Folklife Program eine wunderbare Doppel-LP unter dem Titel „Drop On Down In Florida – Recent Field Recordings Of Afro-American Traditional Music“ veröffentlicht, mit fettem Booklet mit ausführlichen Linernotes, Fotos und allen Songtexten (damals waren die Aufnahmen ja noch „recent“, also vor Kurzem eingespielt). Darauf waren sechs der 17 auf der vorliegenden CD versammelten Tracks enthalten – plus ein Titel („Do, Lord, Remember Me“), der auf der CD fehlt. 2012 hat das renommierte Dust-to-Digital-Label diese Doppel-LP in erweiterter Form als Doppel-CD mit Buch wiederveröffentlicht; hier waren sieben der 17 CD-Titel enthalten, plus zwei weitere, die auf der hier besprochenen CD fehlen. Jetzt kann man sich fragen, warum diese zwei Titel nicht auch noch enthalten sind, Platz wäre dafür gewesen, aber wie heißt es so schön: Einem geschenkten Gaul ...

02.12.2016 • Klaus Kilian





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