Kilians Plattenecke August 2016

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Arthur „Big Boy“ Crudup

Einerseits war ich überrascht, dass Bear Family eine opulente Komplettbox von Arthur „Big Boy“ Crudup veröffentlicht, andererseits passt es ja für ein Label, das hauptsächlich hochklassige Country-, aber auch Blues-, R&B- und Rock’n’Roll-Reissues veröffentlicht. Denn Crudup, den sein Plattenlabel RCA Victor auf der ersten LP-Reissue seiner Singles kurzerhand zum „Father of Rock’n’Roll“ ernannte, beeinflusste keinen Geringeren als Elvis Presley, der den schwarzen Blueser persönlich kannte und 1956 in einem Interview sagte: „Unten in Tupelo, Mississippi, hörte ich früher den alten Arthur Crudup seine Gitarre bearbeiten, wie ich es jetzt tue, und ich sagte, wenn ich jemals an den Punkt käme, alles zu fühlen, was der alte Arthur fühlte, dann wäre ich ein Musikus (music man), wie ihn niemals jemand gesehen hat.“ Drei Titel des 1905 in Forest, Mississippi, geborenen und 1974 verstorbenen Arthur William Crudup coverte Elvis in den 50ern; Crudups „That’s All Right“ war eine Seite seiner ersten Single für Sun Records. Es muss das Feeling gewesen sein, das Elvis so faszinierte und das Crudups Platten für RCA Victor in den 40er- und frühen 50er-Jahren beachtliche Verkaufszahlen einbrachte; rein musikalisch gesehen sind die Aufnahmen nämlich – auch im Vergleich zu anderen Down-Home-Bluesaufnahmen dieser Zeit – sehr einfach strukturiert, mit sehr rhythmischer, aber simpler Gitarrenbegleitung. Doch Crudups Texte und die Art und Weise, wie er sie sang, sprachen ein so großes Publikum an, dass RCA Victor von 1941 bis 1952 nicht weniger als 70 Titel von ihm veröffentlichte. Nach einem 52er-Intermezzo mit je einer Single für Checker, Champion und Trumpet landete Crudup 1953/54 wieder bei RCA bzw. deren Unterlabel Groove und es erschienen weitere drei Singles. Dann verloren die Plattenfirmen (und -käufer) für acht Jahre das Interesse an den ländlichen, erdigen, längst anachronistischen Sounds Crudups, bis ihn Bobby Robinson 1962 für sein Fire-Label aufnahm und zwei Singles sowie eine LP von ihm veröffentlichte. All dieses Material ist auf der 5-CD-Box „A Music Man Like Nobody Ever Saw“ von Bear Family enthalten, plus alle erst später auf LPs und CDs veröffentlichten Titel sowie vier bislang unveröffentlichte Titel und acht bislang unveröffentlichte Alternativtakes. Die Aufnahmen klingen phänomenal gut, auch im Vergleich zu früheren offiziellen BMG/RCA-CD-Reissues, und werden in logischer Reihenfolge präsentiert: chronologisch, aber mit den Alternativtakes jeweils am Ende, damit man nicht zweimal den gleichen Titel hintereinander hört (mit Ausnahme der Trumpet-Aufnahme „Gonna Find My Baby“, die in drei verschiedenen Fassungen enthalten ist). Begleitet wird die Musik von einem 72-seitigen Hardcover-Buch im LP-Format, das eine ausführliche Biografie von Crudup und Anmerkungen zu den Aufnahmen von Bill Dahl sowie eine detaillierte Diskografie enthält. Da es von Crudup wohl nicht allzu viel Bildmaterial gibt, wurden zur Illustration auch stimmungsvolle Landschafts- und Städtefotos verwendet – einzig die Cover der CDs selbst sind uninspiriert und zeigen nur jeweils das gleiche Elvis-Zitat. Arthur Crudup hat ja noch weitere Aufnahmen gemacht – drei LPs für Delmark in den 60er-Jahren, von denen eine erst im CD-Zeitalter veröffentlicht wurde, und eine 1970 in London aufgenommene LP für United Artists –, die nicht Teil dieses Projekts sind. Die Box ist ein willkommener Anlass, die nächste „Blues History“ in unserer Printausgabe Arthur „Big Boy“ Crudup zu widmen.

Moonshine & Mojo Hands
Vor Kurzem habe ich mir die letzte der 10 Folgen dieser „world’s first blues music reality show“ angeschaut und denke, wir sollten unseren Lesern diesen Internet-Tipp weitergeben. Jeff Konkel, der Labelmacher von Broke & Hungry Records, und Roger Stolle, Besitzer des Cat Head Record Store in Clarksdale, Mississippi, haben über mehrere Jahre Musiker, (selbsternannte) Museumsbetreiber, Juke-Joint-Operator und andere (zum Teil schräge) Gestalten der Bluesszene in Mississippi gefilmt. Jetzt haben sie in kurzer Reihenfolge die Ergebnisse im Internet veröffentlicht und mir haben die hohe Qualität, die persönliche Herangehensweise und die gute Vermittlung der Atmosphäre sehr gut gefallen. Zu sehen und zu hören sind unter anderen Protagonisten der aktuellen Szene wie James „Super Chikan“ Johnson, Lucious Spiller, Leo „Bud“ Welch, Terry „Harmonica“ Bean, Pat Thomas oder Blind Mississippi Morris, aber auch inzwischen leider verstorbene Musiker wie Arthneice „Gas Man“ Jones und Eddie Cusic. Reinschauen lohnt sich unter http://www.moonshineandmojohands.com/episodes.html

Farewell, Black Magic
Gerade habe ich für unsere nächste Printausgabe eine sehr schöne Wiederveröffentlichung auf dem holländischen Black-Magic-Label besprochen: „Fullers Blues“ von Johnny Fuller mit der Phillip Walker Band, ursprünglich 1973 für das australische Bluesmaker-Label eingespielt und bislang nicht auf CD verfügbar. (Die heute rare Scheibe wurde allerdings in den 80er-Jahren auf Diving Duck als LP wiederveröffentlicht.) Was ich schon im Real Blues Forum auf Facebook erfuhr, wird im Promotext zu dieser äußerst empfehlenswerten, sehr abwechslungsreichen und exzellent klingenden, auf 500 Exemplare limitierten CD leider bestätigt: Nach 35 Jahren und über 50 Veröffentlichungen ist dies die letzte Black-Magic-CD; nachdem schon in den letzten Jahren nicht mehr so viel erschien, hört der Labelbetreiber Gerrit Robs jetzt ganz auf. Nicht nur für mich war Black Magic stets ein Garant für liebevoll gestaltete, musikalisch hochklassige Produktionen; der Katalog umfasst auch eine Reihe von ausgesuchten Reissues, aber in erster Linie investierte Gerrit in teure Neuaufnahmen, die zum Teil unter der Regie von namhaften Produzenten wie Dick Shurman oder Fred James zumeist in den USA eingespielt wurden. Los ging es 1981 mit Andrew Brown und es folgten über die Jahre weitere herausragende Chicago-Blues-Produktionen von Lacy Gibson, Eddie C. Campbell, Hip Linkchain, Fenton Robinson, Little Smokey Smothers und Lee Shot Williams sowie die Erstveröffentlichung von Liveaufnahmen von Magic Sam und Lonnie Brooks. 1990 kamen erstmals Aufnahmen von der Westküste hinzu: Der exzellenten CD von Smokey Wilson mit der William Clarke Band folgten Veröffentlichungen von Lynwood Slim, Junior Watson, Sonny Rhodes, Cal Valentine und Kid Ramos. Bald waren auch Texas (T.D. Bell & Erbie Bowser, Long John Hunter, Snuff Johnson mit Kim Wilson und Frank Robinson), St. Louis (Big Bad Smitty und Little Cooper) und andere Regionen (z. B. King Alex aus Kansas City, die Delta Jukes aus Mississippi oder Percy Strother aus Minneapolis) vertreten. 1996 veröffentlichte Gerrit die erste CD von Johnnie Bassett und trug dadurch zur späten Karriere-Renaissance eines sonst vielleicht nicht gewürdigten Spitzenbluesers aus Detroit bei; Bassett wirkte kurz darauf auch auf Black-Magic-CDs seiner Detroit-Kollegen Joe Weaver und Bill Heid mit. 1998 begann mit einer CD des Sängers und Gitarristen Johnny Jones Gerrits ausführlichste und ebenfalls bahnbrechende Dokumentation einer lokalen Szene: Bis 2004 veröffentlichte Black Magic in Zusammenarbeit mit Fred James eine Reihe von Reissues und Neuproduktionen, die die bis dato kaum bekannte R&B- und Soulszene der Music City Nashville präsentierten, mit Sängern wie Earl Gaines, Al Garner, Charles Walker, Freddie Waters, James Nixon, Larry Birdsong, Gene Allison, Roscoe Shelton, Shy Guy Douglas und anderen. Dieser beeindruckende Katalog ist zum Großteil noch erhältlich.

04.08.2016 • Klaus Kilian




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Kommentar von Peter Dinkelbach |

Lieber Klaus Kilian,
herzlichen Dank für den Link zu MoonshineandMojohands!
Da geht's ja manchmal nur am Rande um Musik, und eher um schräge Typen, aber gut gemacht sind die Episoden allemal!
Auch wenn dabei der alte Mythos vom alleinigen Entstehen des Blues in Mississippi aufgewärmt wird, man sieht doch sehr schön, daß der Blues dort nicht erst "am Leben gehalten" werden muß, weil er ganz einfach lebt!
Gruß und Blues,

Peter