Kilians Plattenecke Oktober 2012

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B.B. King

Thema des Monats ist dieses Mal die neue B.B.-King-Box – beziehungsweise die Boxen, denn Universal hat „Ladies & Gentlemen... Mr. B.B. King" in zwei Versionen herausgebracht, einer mit 4 CDs für den allgemein interessierten Hörer und einer mit 10 CDs für diejenigen, die tiefer in das Werk des großen Gitarristen und Sängers einsteigen möchten. Das 4er-Set (zu unter 30,– Euro) wird in unserer nächsten Print-Ausgabe vorgestellt; ich habe mir als Fan und Sammler des „King of the Blues" sofort die 10-CD-Box gekauft (für knapp 80,– Euro) und kann daher an dieser Stelle darüber berichten. Die Aufmachung ist wertig, aber nicht opulent: In einer stabilen Box liegen die 10 leider nur in einfachen Stecktaschen untergebrachten CDs (mit jeweils einem anderen, dem Zeitraum angepassten Foto von B.B. auf dem Cover) unter einem sehr schön gestalteten 72-seitigen Hardcover-Buch, in dem sich neben vielen Fotos zwei Essays befinden: ein biographisches von Ashley Kahn und ein längeres von Dick Shurman über Kings Plattenkarriere. Das Hinzuziehen des Experten Shurman bedeutet, dass die ausführlichen diskografischen Angaben stimmen und der Leser einen hervorragenden Einblick in die Entwicklung der Musik von B.B. King erhält – die natürlich auf den CDs in all ihren Phasen repräsentiert ist. Als Produzenten sind Bill Levenson und Andy McKaie gelistet, wobei Ersterer wohl eher für den Sound verantwortlich war, der sehr, sehr gut, aber vielleicht einen Tick basslastig ist, und Letzterer für die Zusammenstellung. McKaie hat sich mit seinen Chess-Reissues für Universal und deren Sammler-Unterlabel Hip-O Select einen guten Namen gemacht und enttäuscht auch bei diesem Projekt nicht, denn der Überblick ist absolut gelungen. Die beiden ersten CDs decken B.B.s frühe Jahre ab: seine beiden ersten Singles für Bullet von 1949 sind enthalten sowie eine gute Auswahl seines Modern/RPM/Crown-Materials von 1950–60, darunter solche Erfolge wie „Woke Up This Morning", „Please Love Me" und „Sweet Sixteen". Ab CD 3 beginnen B.B.s lange Jahre bei ABC Records (und deren Unterlabel Bluesway) mit vielen Singles (darunter natürlich „The Thrill Is Gone"), Studioalben und den legendären Live-LPs „Live At The Regal", „Blues Is King", „Live At Cook County Jail" und „Live In Japan", die jeweils mit mehreren Titeln vertreten sind. Unter den Singles befinden sich ein oder zwei Titel, die bislang nicht wiederveröffentlicht wurden, und von einer 1963er-Studiosession kommt der einzige bislang unveröffentlichte Titel der Box, eine Version von „I Wonder Why", das King kurz zuvor auch für Modern/Crown eingespielt hatte und das auch in das Repertoire von Albert & Freddie King sowie insbesondere Otis Rush einziehen sollte. Auf CD 4 können sich Sammler über zwei Titel freuen, die es bislang nur auf Single bzw. einem Soundtrack-Album gab. Aus dieser Zeit fehlt natürlich auch nicht die Originalversion von „Why I Sing The Blues" und der lange Titelsong der 68er-LP „Lucille", in dem er die x-mal wiederholte Geschichte erzählt, wie seine Gitarre zu ihrem Namen kam.

Ab CD 6 sind wir in den 70ern und damit bei musikalisch weniger beglückenden LPs wie „Guess Who"
und „To Know You Is To Love You". Doch die drei Titel der London-Sessions sind gut und der von „L.A.
Midnight" sowieso – nach meinem Geschmack eine unterbewertete King-Scheibe, die mit nur einem
Titel hier auch unterrepräsentiert ist, genauso wie die beiden gemeinsamen Livealben mit Bobby
Bland. CD 7 führt uns in die späten 70er und 80er, in denen B.B. im Studio mit den Crusaders
zusammenarbeitete und mit „Now Appearing At Ole Miss" eine nachträglich mit Percussion
verhunzte Live-Doppel-LP veröffentlichte, aber 1983 mit „Blues 'n' Jazz" auch zu seinen Roots
zurückkehrte. Ab 1985 (auf CD 8) geht's bergab, mit zu Recht vergessenen Studiowerken wie „King Of
The Blues: 1989" und Kollaborationen mit U2 und Gary Moore. Aber schon auf CD 9 läuft B.B. mit
seiner „Blues Summit", der hervorragenden 98er-CD „Blues On The Bayou" und dem 99er-Tribute an
sein Vorbild Louis Jordan wieder zu Höchstform auf. Die letzte CD bietet Licht („Riding With The King"
mit Clapton und „One Kind Favor") und Schatten („Makin' Love Is Good For You") – und kaum zu
glauben, dass King für seine Weihnachts-CD 2003 einen Grammy als bestes traditionelles Bluesalbum
erhielt. Als Raritäten gibt's hier noch zwei Titel von einer EP, die als Werbeplatte für ein Diabetiker-
Medikament aufgenommen wurde.

In der Summe – wie schon erwähnt – ein exzellenter Überblick, den sich jeder anschaffen sollte, der
an B.B. interessiert ist und noch nicht allzu viele der LPs/CDs hat. Es ist eine vielseitige und zumeist
hochklassige Werkschau, die dem Status von B.B. King und seiner Rolle in der Entwicklung des Blues
in den letzten 63 (!) Jahren gerecht wird.

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