Über bluesnews

15 Jahre bluesnews – ein Resümee

Dirk Föhrs
Chefredakteur Dirk Föhrs in der bluesnews-Redaktion © PR

Die Reaktionen haben sich verändert. „Echt, davon kannst du wirklich leben?“, fragten ungezählte Leser/-innen noch vor ein paar Jahren ungläubig, wenn am Telefon etwas geplaudert wurde. „Würden Sie mich bitte mit ihrer Buchhaltung verbinden“ oder „Ich hätte gern den Ressortleiter Ihrer Anzeigenabteilung gesprochen“, heißt es hingegen heute. Hinter bluesnews steckt aber weder ein großes Verlagshaus noch eine vielköpfige Redaktion. Herausgeber, Chefredakteur, Anzeigenleiter, Buchhalter, Layouter und Leserbetreuer treffen einmal täglich zusammen: morgens beim Rasieren und dem dazugehörenden Blick in den Spiegel. Derjenige, der kurz danach den Kaffee kocht, ist auch dabei.

Zeitschriften entstehen heute am Reißbrett, schlaue Leute analysieren Marktchancen und eruieren, wie sich neue Titel im Handel platzieren lassen. In den 90er-Jahren war das anders, Bill Gates und dem Internet sei Dank. Windows und das World Wide Web hatten großen Anteil daran, dass sich die Medienlandschaft veränderte. Computer und dazugehörende Programme wurden bezahlbar, das aufkommende Internet trug dazu bei, ohne teure Werbekampagnen bekannter werden zu können. Für Kultur und Musik war diese Entwicklung ein Segen, musikalische Randbereiche wie Folk, Jazz, Blues, World Music und andere bekamen Plattformen, fanden neue Liebhaber und konnten sich aus ihrem Schattendasein befreien. Das lässt sich sogar mit Zahlen belegen, denn während viele der etablierten deutschen Musikzeitschriften mit Auflagen jenseits der 100.000 rasant an Lesern verloren, machten sich sogenannte „Special-Interest-Titel“ breit. JazzThing, BlueRhythm, Akustik Gitarre, Good Times, Folker!, bluesnews und einige andere fanden sich in relativ kurzer Zeit im sechsstelligen Auflagenbereich wieder – zusammengerechnet, versteht sich.

Allerdings unterscheidet sich bluesnews in mehrerlei Hinsicht von den meisten anderen Musikmagazinen, geplant war die Zeitschrift zum Beispiel nie. Zur ungewollten Schwangerschaft kam es – wie passend – abends in irgendwelchen Hotelzimmern. Als Bluesfan, der früher im westfälischen Sauerland Heizungsrohe zusammengeschweißt hatte, war ich in den Außendienst gewechselt und verkaufte Badarmaturen in Süddeutschland. Beim einsamen Abendessen, so um 1991 herum in Darmstadt, entdeckte ich drei Tische weiter zwei von oben bis unten tätowierte Arme. Die gehörten Mark Wenner, dem Frontmann der Nighthawks aus Washington, D.C. Es kam, was kommen musste, von Fachmann zu Fachmann sozusagen. Der für verchromte Armaturen trank sich mit drei Bier Mut an und fragte den für verchromte Blasinstrumente in gebrochenem Englisch, ob seine Künste heute Abend noch auf irgendeiner Bühne bewundert werden dürften. Sie durften, im Kultschuppen „Goldene Krone“.


Home of bluesnews in AltenaDie Anfänge: AXMO Agency und "Blues Guide Germany"
Zwei sonderliche Gesellen mit dem Herzen am rechten Fleck  – der eine trug immer einen Cowboyhut, der andere im Sommer Bademantel nur mit Unterhose darunter – holten damals reihenweise amerikanische Blueskünstler nach Deutschland. „AXMO Agency“ hieß die Agentur von Hermann Moter (der mit Hut) und Axel „Bademantel“ Mertink, deren Aktivitäten im Nachhinein betrachtet von unschätzbarem Wert für die Entwicklung einer ganzen Szene waren. So ziemlich alles, was heute Rang und Namen hat, war damals dank AXMO in der „Goldenen Krone“ und auf anderen deutschen Bühnen zu sehen: Duke Robillard, Mike Morgan/Lee McBee, Sue Foley, Bob Margolin, Robben Ford, James Harman, Larry Garner, Ronnie Earl, John Mooney, Jimmy Thackery und viele mehr. Mich, den sich abends in Hotelzimmern langweilenden Außendienstler, dürstete nach mehr. „Gibt’s noch andere Blues-Clubs im Lande?“, fragte ich irgendwann den Hermann. Es gab, bereitwillig rückte der Mann mit Hut seine Kontakte heraus, die letztendlich als Basis für ein Buch dienen sollten, den „Blues Guide Germany“.

Etwa 500 Adressen von Clubs, Festivals, Musikern und Agenturen hatte ich abends in irgendwelchen Hotelzimmern zusammengetragen und 1994 in Buchform veröffentlicht. Musikern und Fans diente der „Blues Guide Germany“ gleichermaßen zur Orientierung, aber Adressen ändern sich, Clubs schließen, neue machen auf. Außerdem trafen aus allen Landesteilen immer mehr Informationen ein, die es galt, irgendwie öffentlich zu machen. So kam es 1995 zur ersten Ausgabe von „Blues News“, damals noch auseinandergeschrieben und im A5-Format. Ein- bis zweimal pro Jahr sollte über Veränderungen und News innerhalb der Szene informiert werden, doch es kam ganz anders. Musiker schickten CDs zur Rezension, Veranstalter Konzerthinweise, bluesbegeisterte Autoren boten Artikel und Interviews an. Das Heft verkaufte sich auf Konzerten, Festivals und über einige Clubs ganz gut, Dutzende von Bluesfans schickten mir einfach ihre Bankdaten und wollten bluesnews ab sofort im Abo beziehen – obwohl es einen Abo-Bezug noch gar nicht gab. Das Baby des „Blues Guide Germany“ entwickelte eine unglaubliche Eigendynamik, genau genommen blieb gar keine Zeit, darüber nachzudenken, was da eigentlich losgetreten worden war.


bluesnews-LagerVon "Blues News" zu "bluesnews - der Weg in den Handel
Die 300 Exemplare der ersten Ausgabe waren schnell ausverkauft und es wurden 700 weitere Hefte nachgedruckt. 1996 erreichte die Auflage 3.000 Stück und im Oktober 1997 gab es mit der Nr. 10 erstmals ein farbiges Titelblatt. Die nächste einschneidende Veränderung erfolgte ein halbes Jahr später, mit der Ausgabe 12 erschien bluesnews zum ersten Male im A4-Format, was Auflage und Abozahlen deutlich steigen ließ. Enormes Kopfzerbrechen bereitete dann der Vertrieb, der uns noch heute betreut. Denn als die Firma „Special Interest“ anbot, bluesnews bundesweit in den Handel zu bringen, standen existenzielle Entscheidungen an. Sollte der Verkauf an Kiosken floppen, hätten die finanziellen Verluste unweigerlich zur Einstellung der Zeitschrift geführt. Im Erfolgsfalle hingegen war bluesnews nicht mehr als Hobby und Nebenjob zu bewältigen.

Nach einigen Monaten des Rechnens gingen meine Frau Tina und ich das Wagnis ein. Das Heft wurde völlig umgekrempelt, das alte, auseinandergeschriebene Logo „Blues News“ verschwand und im Oktober 2000 stand die „neue“ bluesnews mit der Ausgabe 23 erstmals in den Regalen der Händler. Mit steigender Auflage folgten erste redaktionelle Seiten in Farbe und mit der Ausgabe 40 vom Januar 2005 wurde fast komplett auf Farbdruck umgestellt. Parallel dazu entwickelte sich die bereits 1997 ins Leben gerufene Online-Ausgabe prächtig, www.Blues-Germany.de, so die ursprüngliche URL (jetzt www.bluesnews.de), zählt bis heute zu den am häufigsten besuchten deutschsprachigen Blues-Websites. Nur den „Blues Guide Germany“, quasi die Keimzelle des Magazins, den gibt es heute nicht mehr. Das vierte Buch von 2002 war auf 280 Seiten und rund 1.300 Adressen angewachsen, danach ging das Interesse der Künstler deutlich zurück, was sicherlich auch auf die immer umfangreicheren Internet-Informationen zurückzuführen war. Zum 10-jährigen Jubiläum von bluesnews erschien 1995 der letzte „Blues Guide Germany“, dies als kostenlose Beilage zur Ausgabe 41.

Treue Weggefährten
Viel hat sich verändert im Laufe der Jahre, so stehen heute nicht mehr Ehefrau, Tochter, Schwester, der Chef und ein paar Handball-Kumpels in der Garage und tüten die Hefte für Abonnenten ein. Dies, sowie einige andere Dinge, erledigen längst Dienstleister. Auch der Abonnenten- und Leser-Service könnte in andere Hände abgegeben werden, doch das kommt für bluesnews nicht infrage. Der persönliche Kontakt zu den Leser/-innen wird weiterhin großgeschrieben, irgendwelche „Hotlines“ in Callcentern, womöglich noch kostenpflichtig, wird es bei bluesnews nicht geben.  

Natürlich spielte in den letzten 15 Jahren auch das Glück eine Rolle, nämlich das Glück, zur richtigen Zeit auf die richtigen Menschen zu treffen. Wie auf den Grafiker Holger Neumann, Trommler von D.C. & The Cruisers, der seit der Ausgabe 6 das Titelblatt gestaltet und der das Profil von bluesnews schärfte. Oder auf Klaus Kilian, ebenfalls Musiker und ein – wie ich es immer ausdrücke – „wandelndes Blueslexikon“. Klaus schreibt nicht nur Plattenkritiken und andere Artikel, er übernahm vor vielen Jahren auch das Lektorat von bluesnews (die ersten Jahrgänge gingen noch ohne entsprechende Kontrolle in Druck). Lektor und ausgewiesener Fachmann für traditionellen Blues sowie historische Hintergründe in einer Person, optimaler geht es nicht. Natürlich haben auch die vielen Mitarbeiter mit enormem Engagement, mit Begeisterung und viel Herzblut bluesnews ganz entscheidend mitgeprägt. Die meisten sind schon viele Jahre dabei, einige sogar seit 1995!

Diese fraglos sehr persönliche Schilderung soll Ihnen/euch, liebe Leser/-innen, einen kleinen Einblick hinter die Kulissen von bluesnews gewähren. Denn wir sind beileibe kein großer Laden, wie manche vermuten und worüber auch schon häufiger diskutiert wurde. Demnach sei bluesnews gar kein „richtiges Magazin“, sondern „nur ein Fanzine“. Letzteres bedeutet: eine Zeitschrift von Fans für Fans. Kann es ein schöneres Lob geben?

Dirk Föhrs (Chefredakteur und Herausgeber von bluesnews)

Der Artikel wurde zum 15-jährigen Jubiläum in bluesnews 61 (April 2010) veröffentlicht.


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