"Miss Understood" war vor drei Jahren ihr erstes Album, das hierzulande ohne Importprobleme zu haben war. Nun hat Carolyn Wonderland das Label gewechselt, veröffentlicht aber wieder in Lizenz bei einem deutschen Label. Die in Austin lebende Friedensfreundin mit einem tollen Sinn für Wortspielereien, der sich auch in ihrem Künstlernamen niederschlägt, legt mit "Peace Meal" im Vergleich zum Vorgänger ordentlich eins drauf. Dass die rothaarige Gitarristin diverse Klassiker neu verbrät und dabei teilweise kräftig losdonnert, Muddy Waters' "Two Trains" nämlich mit Feuer in der Kehle rocken lässt, Robert Johnsons "Dust My Broom" mit Lap-Steel genial durchfräst und eine Nummer aus dem Repertoire Bo Diddleys nach Grateful-Dead-Art sauber zerschreddert, das alles platziert diese Frau sowohl als Saitenkünstlerin wie auch als Arrangeurin und erst recht als Sängerin ganz oben in die Gefilde jener Sorte des modernen Blues, wo frau souverän mit rockigen Elementen flirtet. Nun nimmt die außerhalb der Bühne stets bescheiden agierende kleine große Musikerin auch noch all den Fans, die sie nicht nur der texanischen Herkunft wegen immer wieder mit Janis Joplin vergleichen, vollends den Wind aus den Segeln, indem sie völlig unbekümmert das allererste Lied interpretiert, das Joplin einst geschrieben und aufgenommen hat - "What Good Can Drinkin' Do" und alle anderen Songs kommen mit gebremster Wucht: Statt unkontrolliert auszurasten konzentriert sich Wonderland auf den richtigen Einsatz ihrer Stimmbänder; sie kann schmachten, lasziv phrasieren oder leidenschaftlich shouten; da ist nie etwas zu viel, immer ist tiefer Soul im Spiel. Gospeltöne, Bluesrock, Blues und Southern Grooves sind die musikalischen Gefilde, in denen sie wirbelt, die eigenen Songs stehen alten Klassikern in nichts nach. Als Gäste für ihren neuen Auftritt hat Carolyn wieder alte Nachbarn aus Austin und neue Freunde eingeladen: Cindy Cashdollar hilft mit ihrer Lap-Steel bei "God Only Knows When" aus, Glen Fukunaga spielt ein paarmal den Bass, Larry Campbell hat Teile des Albums produziert und schlittert bei dem Jerry-Garcia-Tribut "Golden Days" countryrockmäßig auf der Pedal-Steel herum. Den Löwenanteil an der Produktion der CD hatte Ray Benson von Asleep At The Wheel, der schon bei "Miss Understood" ein sicheres Händchen hatte, und bei "Dust My Broom" drehte Mike Nesmith am Sound. Ja, der war mal ein Monkee.
CD-TIPP DES MONATS
In den vierteljährlichen Printausgaben stellen die Rezensenten von bluesnews meist weit über 100 neue CDs und DVDs vor, mit dem "CD-Tipp der Woche" (ab Januar 2012, früher "CD-Tipp des Monats") wird zusätzlich auf besonders erwähnenswerte Veröffentlichungen hingewiesen.